Der erste Kulturerbe-Bayern-Schützling liegt in der faszinierenden Altstadt von Rothenburg ob der Tauber.

Entdecken Sie Zeugnisse jüdischen Lebens in Rothenburg - Teil 1

Jedes Jahr besuchen viele tausend Reisende Rothenburg ob der Tauber, erfreuen sich an der malerischen Altstadt und genießen die Atmosphäre des mittelalterlichen Ortes. Flanieren Sie mit uns durch das Städtchen und kommen Sie in drei Etappen mit zu den wichtigsten Orten der jüdischen Geschichte Rothenburgs.

Erste Etappe

Unser Spaziergang beginnt am Kapellenplatz. Im ersten Jüdischen Viertel Rothenburgs aus dem 13. Jahrhundert lag eine Synagoge, eine zweistöckige Talmudschule mit 21 Zimmern und einem großen Lehrsaal, ein sogenanntes Judentanzhaus und eine Mikwe - ein jüdisches Ritualbad. Der jüdische Friedhof befand sich außerhalb der damaligen nördlichen Stadtmauer am heutigen Schrannenplatz. Mazzenbäcker, Schächter, ein Judenkindschulmeister und ein Arzt wohnten dort ebenso wie ein Schulklopfer - ein Gemeindediener, der den Sabbatbeginn anzeigte, und ein Vorbeter.

Seit 1236 gewährte die kaiserliche „Kammerknechtschaft“ den Juden besonderen Schutz, verpflichtete sie aber auch zu hohen Abgaben. Die Sonderstellung und ihre religiöse Pflichterfüllung verhinderte eine tiefere Integration in die christliche Bevölkerung und doch entstand die Gemeinde des ersten Jüdischen Viertels trotz mehrerer Verfolgungswellen wie beim sogenannten Rintfleisch-Pogrom von 1298 immer wieder neu.

Als 1404 die neue Synagoge gebaut war, erwarb Bürgermeister Peter Kreglinger d. Ä. die alte Synagoge sowie das Lehrhaus und machte daraus eine Marienkapelle und ein „Seelhaus“ – ein Wohnhaus einer christlichen Laiengemeinschaft, die sich besonders um Arme und Kranke kümmerte. Die Häuser am Kapellenplatz wurden im März 1945 bei einem Bombenangriff vollständig zerstört.

An der Fassade des Hauses Kapellplatz 5 erinnert eine Bronzetafel an Rothenburgs berühmtesten jüdischen Lehrer, Rabbi Meir ben Baruch, der um 1215 in Worms zur Welt kam. Nach seinem Studium in Würzburg, Mainz und Paris bei den besten jüdischen Lehrern seiner Zeit zog Rabbi Meir ben Baruch um 1240 nach Rothenburg. Die zahlreichen Schüler, die er um sich scharte, gaben ihm den Ehrennamen „Maharam“(„Unser Lehrer, der Rabbi Meir“) und sammelten fast eintausend Responsen, mit denen Rabbi Meir auf schriftliche Anfragen jüdischer Gemeinden antwortete. Diese Antworten zeichnen ein detailliertes Bild vieler jüdischer Alltagsprobleme im Mittelalter, angefangen bei Eheschließungen und -scheidungen bis hin zu Steuerrecht, jüdischen Bräuchen und den Verhalten gegenüber Nichtjuden.

Fast vierzig Jahre lang wirkte Rabbi Meir in Rothenburg. 1286 plante er auszuwandern, wurde auf seinem Weg nach Venedig mit seiner Familie aber verraten und verhaftet und sieben Jahre in Geiselhaft genommen. 1293 starb Rabbi Meir ben Baruch in Gefangenschaft, seine sterblichen Überreste liegen heute auf dem Jüdischen Friedhof zu Worms.

Das Rabbi Meir-Gärtchen ist die dritte Station auf unserem Weg. Neben dem Weißen Turm stand ehemals das zweite Judentanzhaus des neuen Jüdischen Viertels in der Judengasse.
Die Eigenständigkeit und das Selbstbewusstsein der jüdischen Gemeinde um 1400 zeigt das eigene Siegel des jüdischen Ratskollegiums, das wohl im Judentanzhaus tagte.
Das heutige Gebäude wurde nach dem Zweiten Weltkrieg wieder errichtet. In die Mauer des Gärtchens sind zehn jüdische Grabsteine aus dem 14. Jahrhundert eingelassen, die zuvor auf dem „Judenkirchhof“, dem heutigen Schrannenplatz, standen. Seit 2002 ziert eine Gedenktafel des Rothenburger Künstlers Peter Nedwal das Haus; der Garten wurde 2010 neu gestaltet.

Das zweite Jüdische Viertel Rothenburgs befindet sich in der Judengasse. Ab 1375 wächst die jüdische Bevölkerung wieder, Rabbi Mendel und Rabbi Israel ben Isaak gehören zu den bekanntesten Rothenburger Hochmeistern. Zur Zeit des bedeutenden Bürgermeisters Heinrich Toppler (gest. 1408) waren die Juden wohlhabende und eine hohe Steuerlast tragende Bürger. Das durch Sondersteuern für Juden eingenommene Geld floss in den Bau der zweiten Stadtmauer – ein indirektes Zeugnis für die jüdische Vergangenheit Rothenburgs.

Mittlerweile siedelten die Juden auf dem Gelände des ehemaligen Stadtgrabens im Norden der Stadt, die so entstandene Gasse trägt seit etwa 1377 den Namen „Judengasse“. Zwölf Fachwerkhäuser entstanden bis 1500. In Fachkreisen gilt die Gasse als die „einzige noch erhaltene spätmittelalterliche Judengasse im deutschsprachigen Raum“. Juden und Christen wohnten hier nebeneinander, die Gasse war kein Ghetto. Die für jüdische Häuser typischen Einkerbungen am rechten Türpfosten für die „Mesusot“, Kapseln mit dem schriftlichen Gebot, Gott zu lieben, sind verloren gegangen; die beiden runden Türbogen am Haus Nr. 15/17, die wie Gebotstafeln aussehen, sind dafür umso bemerkenswerter. Im Keller der Hausnummer 10 befindet sich eine kleine, etwa zwei Meter tiefe Mikwe – ein Ritualbad aus dem frühen 15. Jahrhundert, dessen Modell im Reichsstadtmuseum ausgestellt ist. Ihre fünf Stufen führen zu einem Wasserbecken hinunter, das auch heute noch mit Grundwasser gefüllt ist. Vermutlich befand sich in diesem Haus auch eine Mazzenbäckerei. Nebenan gab es wohl eine Metzgerei und eine jüdische Schule.

Auf dem Ausgrabungsgelände Ecke Judengasse/Deutschherrngasse wurden einige jüdische Gegenstände gefunden, darunter ein Dreidel - eine Kreiselspiel - und ein kleines Wasserbecken mit einer Kanne aus Ton.
Eine Steintafel am unteren Ende der Judengasse neben dem Doppelbrunnen weist auf das ehemalige Jüdische Viertel hin.

v.l.: Erstes Jüdisches Viertel, Pogromstein 1298, Blick in die Judengasse.
Bildnachweis: Lothar Schmidt Rothenburg.

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