Merkur-Brunnen in Augsburg - Bestandteil des UNESCO Weltkulturerbes

Alles fließt: Augsburg und sein städtisches Kulturerbe

Wasser ist eine Grundvoraussetzung und ein ständiger Begleiter des Lebens. Wie in keiner anderen Stadt ist Wasser die DNA von Augsburg, die sich wie ein roter Faden durch ihre gesamte Geschichte und Entwicklung zieht. Unser Mitglied Christian Schaller erklärt, welche vielfältige Nutzung das kostbare Nass in der drittgrößten Stadt Bayerns seit jeher erfuhr.

Maschinenraum im Wasserwerk am Hochablass - Teil des UNESCO-Weltkulturerbes in Augsburg

Das Wassermanagement-System der Stadt ist in seiner zeitlichen, räumlichen und inhaltlichen Fülle weltweit einzigartig. Nur Augsburg belegt die europaweit bedeutsamen Innovationen und Entwicklungen der Technik, der Architektur und der Kunst über einen Zeitraum von 800 Jahren so lückenlos und umfassend. Im Juli 2019 wurde das  Wassermanagement-System in Augsburg als Welterbe ausgezeichnet. Der nachhaltige Umgang mit der Natur und der knapper werdenden Ressource Wasser ist zudem eine weltweit wichtige und vorbildhafte Botschaft.

Der UNESCO-Titel ist kostbar für Augsburg. Trotzdem bietet die Hauptstadt Bayerisch-Schwabens ein ungemein vielfältiges und wertvolles Kulturerbe aus allen Epochen – auch abseits vom neuen Super-Thema „Wasser“. Die Rolle dieser Sehenswürdigkeiten und Erinnerungsorte in Augsburg wird in Bürgerumfragen immer wieder als sehr hoch eingeschätzt.

Das UNESCO-Welterbe Augsburger Wassermanagement-System

Als eine der ersten Städte trennte die damalige Freie Reichsstadt Trink- und Brauchwasser voneinander. Sie setzte in ihren Wassertürmen und Brunnenwerken auch sehr früh auf die Hebung des Quellwassers durch Wasserkraft aus dem nahen Gebirgsfluss Lech. Die öffentliche Versorgung mit Trinkwasser erfolgte seit dem Mittelalter und war für alle Bürger kostenfrei. Der Wasserreichtum begünstigte die Entwicklung von Handel sowie Gewerbe und wurde durch drei monumentale Renaissance-Prachtbrunnen zelebriert. Das zeitgleich entstandene Zunftgebäude der Metzger wurde über einen kalten Kanal gebaut – eine frühe Form der Kühlung. Das Wassersystem wurde immer wieder für neue und veränderte Nutzungen adaptiert und leistete eigene technische Entwicklungen. Seine Techniken wurden vorgeführt und europaweit verbreitet. Die Wassernutzung wurde über die Jahrhunderte vom kleingewerblichen bis zum industriellen Maßstab weiterentwickelt und führte vom einfachen Wasserrad im Mittelalter bis zur hocheffektiven Turbine im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Neueste Erkenntnisse zur Trinkwasserhygiene wurden in Augsburg frühzeitig umgesetzt. Auch die mechanischen Übertragungen der Wasserkräfte wurden im Raum Augsburg früh durch die Elektrifizierung abgelöst. Die ortsnahe Wasserkraftnutzung und Elektrizitätserzeugung wurde bald durch dezentrale Laufwasserkraftwerke ergänzt.

Der Herkulesbrunnen in Augsburg - Teil des UNESCO-Weltkulturerbes

Augusta Vindelicorum: Hauptstadt einer römischen Provinz

Obwohl Augsburg in der römischen Antike eine prachtvolle Provinzhauptstadt war, fehlen davon im heutigen Stadtbild weitgehend sichtbare Spuren. Ein im ehemaligen Herzen der antiken Stadt geschaffener Archäologischer Garten präsentiert seit 2011 die Lebenswelt und Baukunst der Römer. Während die Stadtarchäologie die grundsätzliche Planung übernahm, stifteten das städtische Tiefbauamt, das Grünordnungsamt sowie die Stadtwerke den Bau. Die museale Präsentation durch Informationstafeln und Rekonstruktionen römischer Architektur wurde letztendlich von der Langernschen Stiftung finanziert, die sich vorwiegend für die Förderung von Architektur und Denkmalschutz sowie für gemeinnützige Zwecke in Augsburg und der Region einsetzt.

Der Dom zu Augsburg

Ein Dreh- und Angelpunkt durch die Jahrhunderte

Der nahegelegene Augsburger Dom war über Jahrhunderte ein zentraler Dreh- und Angelpunkt der Stadtgeschichte. Dies spiegelt sich nicht nur im Inneren der Kirche, sondern vor allem auch in der Vielschichtigkeit des heutigen Domplatzes, der alle baulichen Entwicklungslinien und historischen Epochen beinahe bilderbuchartig wiedergibt. Während die Römermauer antike Funde präsentiert, verweisen archäologische Fenster auf frühneuzeitliche Kapellen, die in napoleonischer Zeit weichen mussten, um Platz für einen Paradeplatz des bayerischen Militärs zu schaffen. Der romanisch-gotische Dom dominiert den Norden, im Westen liegt die barock umgestaltete Bischofsresidenz am Fronhof, heute die Regierung von Schwaben. Dem Besucher bietet sich hier wie an wenigen anderen Orten ein Querschnitt durch die über zweitausendjährige Augsburger Geschichte – von den Römern bis in die unmittelbare Gegenwart.

Der Goldene Saal im Rathaus Augsburg

Identitätsstiftend: Fuggerei und Goldener Saal

Ein weiteres Beispiel ist die berühmte Fuggerei, eine der ältesten Sozialsiedlungen der Welt, die bis heute auch durchgehend diesen Zweck erfüllt. Dies ist hauptsächlich der kontinuierlichen Finanzierung und Instandhaltung durch die ebenfalls sehr lokal verankerten Fuggerschen Stiftungen zu verdanken. Die Fuggerei ist nicht nur ein Besuchermagnet, sondern auch ein zentraler Ort der Augsburger Identität. Ähnlich verhält es sich mit dem prachtvollen Goldenen Saal im Rathaus. Nachdem dieser im Zweiten Weltkrieg fast restlos zerstört wurde, ist es hauptsächlich bürgerschaftlichem Engagement der 70er Jahre geschuldet, dass die heutige Rekonstruktion des Renaissancesaales anlässlich der 2000-Jahr-Feier der Stadt 1985 beschlossen und hauptsächlich von lokal ansässigen Handwerkern ausgeführt wurde.

Erinnerungsorte der Reformationsgeschichte

Die Kirche St. Anna und das darin integrierte Museum Lutherstiege sind in erster Linie ein Erinnerungsort der Reformationsgeschichte von internationaler Bedeutung. Nichtsdestotrotz vereint auch der Kirchenraum zahlreiche kunsthistorische Meisterwerke aus zahlreichen Epochen der Augsburger Stadtgeschichte. Die mittelalterliche Goldschmiedkapelle beinhaltet wertvolle gotische Fresken, die katholische Fuggerkapelle ist einer der ersten Renaissance-Bauten nördlich der Alpen und an der barocken Umgestaltung waren bedeutende Künstler ihrer Zeit beteiligt.

Die St. Anna-Kirche in Augsburg: ein Erinnerungsort der Reformation.

Die beiden letzten Beispiele, die an dieser Stelle angeführt werden sollen, betreffen zwei große Stadtviertel Augsburgs. Im Osten der Stadt entstand ab dem 19. Jahrhundert durch die Industrialisierung das sogenannte Textilviertel mit zahlreichen Fabrikbauten und Arbeitersiedlungen. Nach dem schrittweisen Abbau der Industrie am Ende des 20. Jahrhunderts erfolgt bis in die Gegenwart die Umwandlung des Areals in ein städtisches Wohn- und Gewerbegebiet.

Im Westen der Stadt entstanden noch während des Zweiten Weltkrieges weitläufige Kasernenbauten, die während der amerikanischen Besatzungszeit und bis in die 90er Jahre durch das US-Militär genutzt wurden. Auch hier erfolgte in den letzten Jahren eine rege Bautätigkeit und Umwandlung in ein zeitgemäßes Vorstadtviertel. Bei beiden Arealen wurde versucht, die Augsburger Bürgerschaft aktiv in die Planungen miteinzubeziehen. Zugleich wurde versucht, der besonderen Geschichte der Orte Rechnung zu tragen. Im Textilviertel kann das Staatliche Textil- und Industriemuseum als ein Herzstück gelten. In den ehemaligen Kasernenarealen im Augsburger Westen laufen gegenwärtig Planungen – getragen durch Augsburger Vereine, Initiativen und Privatpersonen – in einem ehemaligen KZ-Außenlager, der Halle 116, einen Gedenkort für die Verbrechen des Nationalsozialismus und einen Erinnerungsort für die amerikanische Besatzungszeit zu schaffen.

Orte der Zugehörigkeit und Selbstvergewisserung sowie die stärkere Einbindung der Zivilgesellschaft, lokaler Vereine und privater Initiativen ist nicht nur für eine frisch gebackene UNESCO-Stadt wie Augsburg ein wichtiges Thema. Die bürgerschaftliche Ebene – dazu gehören neben Vereinen und Initiativen auch Stiftungen, Ehrenämter und Privatpersonen – ist von nicht zu unterschätzender Bedeutung und eine große Chance für die Städte der Zukunft. So verwundert es auch nicht, dass bürgerschaftlichem Engagement bei den vorgestellten Augsburger Erinnerungsorten eine wichtige, wenn nicht zentrale Rolle zukommt.

Christian Schaller, M.A., ist Mitglied bei Kulturerbe Bayern. In seiner im Winter 2020 erscheinenden Publikation „Augsburg und die Authentizität des städtischen Kulturerbes“ nimmt der Kulturwissenschaftler und Historiker die vielfältige Stadtgeschichte, Stadtentwicklung und Stadtgesellschaft Augsburgs in den Fokus und betrachtet die intensive Wechselwirkung von kulturellem Erbe, Authentizität und kultureller Identität. Um die Chancen und Risiken des historischen Erbes zu analysieren und herauszustellen, werden Interviewaussagen von städtischen EntscheidungsträgerInnen, Fachleuten und ExpertInnen den Ergebnissen der kultur- und sozialwissenschaftliche Methode der Signifikanten-Interaktionsanalyse (kurz: SIA, entwickelt von PD Dr. Stefan Lindl an der Universität Augsburg) gegenübergestellt.