"Weit über Bayern hinausreichende historische Bedeutung"

Generalkonservator Prof. Mathias Pfeil, Leiter des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege, erläutert in einem Interview, warum es sich bei der Judengasse 10 um ein "Denkmal von nationaler Bedeutung" handelt. Der erste Kulturerbe Bayern-Schützling kann sich seit Oktober 2019 mit diesem besonderen Etikett schmücken.

Kulturerbe Bayern: Was macht ein Denkmal „national bedeutend“?

Generalkonservator Prof. Mathias Pfeil: Das Bayerische Denkmalschutzgesetz unterscheidet Baudenkmäler nicht nach ihren Bedeutungen. Allerdings lässt sich an der Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte eines Baudenkmals erkennen, ob es über die bayernweite Bedeutung hinaus auch nationales Interesse beanspruchen darf. Neben repräsentativen Bauwerken mit herrschaftlichem oder kirchlichem Kontext, können beispielsweise auch Gebäude, die Zeugnisse einer bürgerlich-städtischen oder beispielsweise einer bäuerlichen Kultur sind, zu den bayerischen Denkmälern von nationaler Bedeutung gehören.

Wie viele Denkmäler von nationaler Bedeutung gibt es in Bayern? Wie lässt sich die Judengasse 10 in diese Reihe einordnen?

Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege prüft anlassbezogen, ob ein Baudenkmal auch nationales Interesse beanspruchen darf. Eine konkrete Zahl liegt uns daher nicht vor. In Mittelfranken zählen beispielsweise die Stadtpfarrkirche St. Lorenz in Nürnberg oder die Wülzburg bei Weißenburg zu den Denkmälern von nationaler Bedeutung. Als höchst seltenes Beispiel für ein in die Zeit um 1400 zurückreichendes bürgerliches Wohnhaus einer bedeutenden mittelalterlichen Reichsstadt kommt auch dem Bürgerhaus in der Judengasse 10 in Rothenburg nationale Bedeutung zu.

Warum ist die Judengasse 10 ein Denkmal von nationaler Bedeutung?

Aufgrund seiner kulturgeschichtlichen Besonderheiten bildet das Wohnhaus in der Judengasse 10 in Rothenburg ein prägendes Beispiel des nationalen kulturellen Erbes. Dendrochronologisch, also per Holzaltersbestimmung, kann es auf das Jahr 1409 datiert werden und gehört damit zu den ältesten Häusern der Stadt. Die Gasse entstand spätestens im letzten Viertel des 14. Jahrhunderts, als man – nach dem Exodus durch die Judenpogrome 1298 und 1349/50 – unter Bürgermeister Heinrich Toppler begonnen hatte, jüdische Familien wieder in die Stadt zurückzuholen. Das Haus Nummer 10 ist ein prägender Bestandteil dieses Straßenzugs und damit von weit über Rothenburg und Bayern hinausreichender historischer Bedeutung.

Worin zeigen sich die Qualitäten des Hauses als „prägendes Beispiel des nationalen kulturellen Erbes“?

Im Inneren des Hauses hat sich mit der Bohlenstube ein Baudetail von besonders hoher Wertigkeit erhalten: Sie ist eine der ältesten Stuben ihrer Art in Bayern überhaupt. Das Dachtragwerk stammt ebenfalls aus dieser ersten Bauzeit und gehört damit zu den vier bisher erkannten ältesten profanen Dachstühlen in Rothenburg. Und schließlich hat sich an der Innenseite der östlichen Giebelscheibe, eine weitere Besonderheit von hoher Seltenheit erhalten: die spätmittelalterliche Putzschicht der Zeit um 1409 ist hier noch nahezu lückenlos vorhanden.

Das Erdgeschoss ist dagegen durch eine Umbauphase der Zeit um 1558 geprägt: Hierzu gehören Fachwerkwände, Balkendecken, mächtige Unterzüge und eine gemauerte Kammer, die ehemals als Backstube Verwendung fand. Man muss hier dazusagen, dass das Anwesen eine lange Zeit überwiegend von Bäckern bewohnt war: 1578 kam es zur ersten namentlichen Nennung eines Eigentümers, der Bäcker war; anschließend wurde bis in die 1720er Jahre das Bäckerhandwerk in diesem Anwesen nahezu lückenlos weiter betrieben.

Im Gewölbekeller des Hauses befindet sich zudem eine kleine Brunnenanlage, in der die wissenschaftliche Forschung übereinstimmend ein jüdisches Ritualbad vermutet.

Zusammenfassend kann man sagen, bei der Judengasse 10 in Rothenburg kommen viele Faktoren zusammen, die das Haus national bedeutsam machen.

Denkmäler des jüdischen Lebens "bilden einen zentralen Bestandteil der deutschen und bayerischen Geschichte ab"

Welche Rolle spielt das jüdische Erbe in der bayerischen Denkmallandschaft?

Dem jüdischen Erbe kommt in der bayerischen Denkmallandschaft eine ganz entscheidende Bedeutung zu. Die ersten Juden kamen mit den Römern nach Bayern; vereinzelt gibt es aus dieser Zeit archäologische Befunde. Ab dem Mittelalter sind die Quellen und die erhaltenen Bau- und Bodendenkmäler dichter überliefert. Die spätmittelalterliche Synagoge in Miltenberg beispielsweise ist eine der besterhaltenen Synagogen dieser Zeit in Deutschland, die in den 1990ern ergrabene mittelalterliche Synagoge in Regensburg ist heute als „dokument Neupfarrplatz“ öffentlich zugänglich. Zahlreiche Synagogen, rituelle Tauchbäder, jüdische Friedhöfe, Wohn- und Schulhäuser haben sich in Bayern erhalten. Sie dokumentieren die jahrhundertelange Präsenz von Juden auf dem Gebiet des heutigen Bayern und bilden einen zentralen Bestandteil der deutschen und bayerischen Geschichte ab.

Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege widmet sich seit langem sehr intensiv dem jüdischen Erbe in der bayerischen Denkmallandschaft. Ganz aktuell gehen wir beispielsweise die Erfassung der Grabmäler auf jüdischen Friedhöfen in Bayern an. Das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst hat kürzlich den „Startschuss“ für die Durchführung eines für die Dauer von drei Jahren angesetzten Modellprojektes gegeben, mit dem ein bayernweites Erfassungs- und Dokumentationsprojekt initiiert werden soll.

 Wie bewerten Sie das Engagement von Kulturerbe Bayern und die Idee, einen „National Trust“ für Bayern zu etablieren?

Grundsätzlich ist es gut, wenn Denkmalpflege auf mehrere Schultern verteilt wird; bürgerschaftliches Engagement ist immer erstrebenswert!