Brauerei-Gasthof Post in Nesselwang

Kulturerbe genießen:
Der Brauerei-Gasthof Post in Nesselwang

Kulturerbe lässt sich vorzüglich in historischen Gaststätten genießen. Wir stellen im Blog die schönsten denkmalgeschützten Einkehrmöglichkeiten Bayerns vor. Die Reihe eröffnet der Brauerei-Gasthof Post in Nesselwang im Allgäu. Der in fünfter Generation geführte Familienbetrieb überzeugt mit Bierspezialitäten und Gemütlichkeit. Die Gaststätte wird im Jahr 1650 urkundlich erstmals erwähnt. Der eindrucksvolle Bau in seiner heutigen Form wurde um 1840 errichtet.

Text: Sybille Krafft

Im Allgäu lässt sich die Liberalitas Bavariae sogar in flüssiger Form genießen – dreifach gehopft und in der Flasche vergoren. Das Weizen-Starkbier mit dem vielversprechenden Namen ist eine der süffigen Spezialitäten vom Postbräu in Nesselwang. Neben den „Klassikern“ Bock, Dunkel, Gold und Weizen stellt die traditionsreiche Familienbrauerei auch zahlreiche Edel-Biere her. Besonders gut schmeckt zur Liberalitas Bavariae übrigens ein saftiges Biergulasch vom Allgäuer Weiderind, das gleich nebenan im denkmalgeschützten Gasthof von einem Ober alten Schlags serviert wird.

Zwei Jahre nach Ende des Dreißigjährigen Kriegs, im Jahre 1650, wird die Gaststätte zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Damals gab es noch fünf Brauereien am Ort. Eine davon gehörte dem „Bierprew und Weinwirt“ Michael Vögeler, dem Stammvater des heutigen Betriebs. Direkt an der einstigen Handels- und Salzstraße gelegen, war die Wirtschaft jahrhundertelang ein willkommener Rastplatz für Säumer und ihre Tiere. Später nutzte man die Stallungen auch für die Wechselpferde der Königlich Bayerischen Posthalterei, die hier von 1817 bis 1910 untergebracht war. Sie lag auf der Route von Innsbruck nach Mechelen in Flandern – eine Strecke, für die eine Postkutsche in jener Zeit fünf Tage brauchte.

Die Gastwirtschaft in ihrer heutigen Form wurde um 1840 errichtet. Es ist ein imposantes Haus, das selbstbewusst das Ortsbild prägt. Mit seinem Walmdach und der sonnengelben, mit Lisenen geschmückten Fassade strahlt es gediegene Behaglichkeit aus. Die Innenräume wurden mehrmals umgestaltet, am schönsten ist die mit alten Bodendielen getäfelte „Adlerstube“.

Familienbetrieb in 5. Generation

Seit mehr als 130 Jahren sind Gastwirtschaft und Brauerei im Besitz der Familie Meyer. Juniorchefin Stephanie führt den Betrieb nun in der 5. Generation, Vater Karl steht ihr beratend zur Seite. „In der heutigen Zeit ist es nicht leicht, so ein Erbe anzutreten, aber ich fühle mich meinen Vorfahren verpflichtet“, sagt Stephanie Meyer, die eine gelernte  Braumeisterin ist. Mit ihrer Schwester Kathrin hat sie auch eine Ausbildung zur Bier-Sommelière gemacht. Die beiden Postbräu-Töchter haben Lust am Experimentieren und kreieren in ihrer „Brau-Manufaktur Allgäu“ immer wieder Biere mit neuen Aromen und Geschmack. Ob doppelt gehopft oder unfiltriert – gebraut werden alle Gerstensäfte jedoch nur mit bayerischen Zutaten: Der Hopfen kommt aus Tettnang am Bodensee und aus der Hallertau, das Malz aus Oberfranken, die Hefe aus Weihenstephan und das Wasser von der Nesselwanger Alpspitze. Der Ruf dieser handwerklich gebrauten Biere hat sich sogar bis in den Vatikan herumgesprochen. Einmal im Jahr lässt sich Bischof Clemens nämlich extra eine Kiste Nesselwanger Bier-Spezialitäten nach Rom bringen. Von einer anderen Stelle im päpstlichen Gefolge werden regelmäßig zehn Gläser Biergelee und ein Sack Braumalz zum Kochen geordert.

Einkehren kann man im Postbräu in drei gemütlichen Gaststuben, im Biergarten oder im Schalander, wie der ehemaligen Wohn- und Schlafraum der Gesellen im Allgäu heißt. Zu empfehlen sind dabei nicht nur Brauer-Schmankerl wie die Bierrahmsuppe oder das Malzmeister-Schnitzel, das mit Biersenf eingerieben und mit Braumalz und Semmelbrösel paniert wird, sondern auch ganz traditionelle Gerichte wie die Allgäuer Käsesuppe, Spinatknödel oder das Alt Nesselwanger Schweineschnitzel in der Brennnesselsoße. Das Beste aus Sudhaus, Küche und Keller ist aber die „Postwirt’s Dunkel Haxe“: ein formschönes Schweinebein, das mit würzigem dunklen Bier gebraten und mit Kartoffelknödel serviert wird. Dies ist auch dem „Feinschmecker“ aufgefallen, und er hat 2012 den Brauerei-Gasthof Post als eines der 450 besten deutschen Landgasthäuser in seinen Führer aufgenommen.

Bierbrauen und Bierbaden

Fast hätten wir beim Postbräu eine ganz besondere Lokalität übersehen: den historischen Bierkeller aus dem 17. Jahrhundert. Dort hat der Seniorchef ein kleines Brauereimuseum eingerichtet. Viele Stücke stammen aus dem eigenen Betrieb – von der gusseisernen Etikettiermaschine bis zur einst so nützlichen „Waschfee“, einer ausgedienten Flaschenreinigungsanlage. Sogar eine alte Kracherl-Flasche aus dem 19. Jahrhundert wird hier postum gewürdigt: Sie steht gleichberechtigt neben einer stattlichen Sammlung von Bierkrügen und Gläsern. Zur verdienten Geltung kommt auch ein großer Pechkessel. Er gehörte zur letzten Nesselwanger Küferei, die erst in den 1970er Jahren das Pichen eingestellt hat. Im Gewölbekeller bilden all diese Fundstücke den passenden Rahmen für Bierseminare und Verkostungsevents wie dem „Bierkulinarium“, einem Fünf-Gänge-Menü, bei dem edle Biere in Sommelier-Pokalen gereicht werden. Inzwischen gibt es sogar die Möglichkeit, selbst als Bierbrauer tätig zu werden.

Nach all diesen ebenso mehrprozentigen wie habhaften Genüssen kann, ja sollte man im hauseigenen Hotel übernachten. Zur harmonischen Abrundung empfiehlt sich ein entspannendes Bad in dunklem Bier mit Hopfendolden. Wer jetzt immer noch keine Bettschwere verspürt, für den steht nach dem letzten Schluck frisch gezapfter „Liberalitas Bavariae“ eine „Laudatio“ bereit: ein edler Bierbrand, der seinen Namen verdient. Anschließend mag der geneigte Gast darüber sinnieren, was unter einer hochlöblichen bayerischen Freisinnigkeit so alles zu verstehen ist.

Brauerei-Gasthof Hotel Post
Fam. Karl Meyer
Hauptstraße 25
87484 Nesselwang/Allgäu
Tel. 08361-30910
info@hotel-post-nesselwang.de
www.hotel-post-nesselwang.de

Wegbeschreibung
Auf der A7 Richtung Kempten/Allgäu Ausfahrt 137 oder 138/Nesselwang nehmen (von Süden kommend Ausfahrt 138). Dort finden Sie den Brauerei-Gasthof Hotel Post an der Hauptstraße, gegenüber der Pfarrkirche St. Andreas.

Dr. Sybille Krafft spürt in ihren zahlreichen Filmen und Geschichten den Veränderungen der Lebenswelt und ihren Auswirkungen auf die Menschen nach. Den Umgang von Menschen mit Denkmälern porträtiert sie in der legendären Reihe "Leben mit einem Denkmal". Sie wurde 2017 mit der Denkmalschutzmedaille ausgezeichnet und ist als Vorstand bei Kulturerbe Bayern aktiv.

Dieser Artikel erschien zuerst in in der Ausgabe 4/2014 der Zeitschrift aviso und kann hier im Original nachgelesen werden. aviso ist die Zeitschrift für Wissenschaft  Kunst in Bayern und wird vom Bayerischen Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst herausgegeben.